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Artikel vom: 03.04.2009
Picknick reloaded!
Die Wiese als Eßtisch
Wenn der Sommer in grellen Farben aufglüht und der Himmel im Lichte kommender Zärtlichkeiten erstrahlt, gibt es nichts Schöneres als ein Essen im Freien. Die Rosen duften mit dem Thymian und dem Lavendel um die Wette, Grillen zirpen, Mücken fliegen ihre Hochzeitstänze. Jeder kennt diese Sinfonie der Sinnlichkeit. Man räkelt sich dem Himmel entgegen und genießt die Schmauserei im Grünen.Klar, nicken jetzt die Biergartengeher im Verein mit Weinlaubenhockern und Grillern. Gewiß hat das Essen und Trinken im Freien seine speziellen Gesetze. Man fühlt anders als in einem geschlossenen Raum. Tauscht man die Wände gegen den nach oben hin offenen Horizont, muss man eventuell gewisse atmosphärische Widrigkeiten billigend in Kauf nehmen wie etwa säuselnden Wind, ins Glas fallende Blätter oder ungebetene Insekten. Zudem hat die frische Luft, auch wenn sie lau ist, eine besondere Chemie, die schon mal filtrierend auf die Sinnesorgane wirken kann. Draußen erfasst man die Raffinesse einer Küche oder die grazilen Nuancen eines großen Weins nicht so detailliert wie drinnen.
Dennoch hat picknicken seine Reize, trotz Insekten und der Tatsache, dass ein Essen im Freien natürlich anders schmeckt als im Restaurant. Picknicken ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme unter freiem Himmel. Die in einem öffentlichen Park verzehrte Wurstsemmel oder das Jausenbrot mit Tee aus der Thermoskanne im Rucksack des Wanderers haben nichts mit Picknick zu tun - obwohl sich das Wort, wie Sprachforscher versichern, von „pick a nic“ herleitet, was soviel bedeutet wie: “Schnapp dir eine Kleinigkeit.“ Gepflegtes Picknicken, also eines mit Stil, erfordert neben der Idee und Raffinesse bei der Planung auch Unerschrockenheit bei der Durchführung, Wetterfestigkeit inklusive.
Schließlich geht es darum, im Freien ein Maximum an Essenskultur zu arrangieren. Bei der Verwirklichung hat die Phantasie großen Spielraum. Schinken gehört nebst Würsten, Käse (vielleicht ein Potpourri aus cremigem “Brie de Meaux“, etwas Ziege, altem Gouda und Parmigiano Reggiano), Oliven, Tomaten, Essiggurken, hartgekochten Eiern, Räucherlachs, Butter und diversen Brotsorten zum Standardprogramm eines Picknicks.
Darüber hinaus gibt es eine kulinarische Kür, deren Ausführung von Appetit, Geschmack und finanziellem Potential abhängt. Etwas getrüffelte Gänseleberterrine wird keine schlechte Wahl sein. Auch Kaviar aus der großen Blechdose vermag ein Picknick mit einem aparten Hauch von Luxus zu erfüllen. Andererseits ist ein kaltes Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat ein Erlebnis der besonders herzhaften Art. Salate, bereits zu Hause angemacht, bereichern das Mahl im Grünen ebenso wie Wildpastete mit Preiselbeerkompott, Tafelspitzsülze mit Schnittlauchsauce, erkaltete Bratenstücke, Ziegenkäse mit Quittengelee und derlei köstliche Vulgaritäten.
Im 19. Jahrhundert glich ein Picknick der englischen Oberschicht einem feudalen Essen. Wie Mrs. Beeton in ihrem 1861 erschienenen “Book of Household Management“ beispielsweise vorschlägt, hatte ein Picknick mindestens aus sechs Stück Hummer, zwei Enten, Lammschultern, Tauben-Pasteten, einigen Kalbsköpfen in Aspik, Roastbeef, Salaten und ähnlichen Delikatessen zu bestehen. Pasteten, Sandwiches und der unvermeidliche Pudding sind heute noch unverzichtbare Ingredienzien eines britischen Picknickers.
Der Brauch, draußen im Freien ein Tuch auszubreiten und sich an mitgebrachten Näschereien zu delektieren, entstand bereits in der Antike. Die Griechen nannten das Essen im Grünen „Eranos“, die Römer wiederum „Prantium“. Beliebt war das Picknicken in der Zeit des Minnesangs, und in der Renaissance galt das Speisen inmitten ländlichen Idylls als große Mode. Der Adel spielte Schäfer und Schäferin, man vergnügte sich auf Wiesen und Waldhainen, selbstverständlich versorgt von der Dienerschaft mit Körben voll Obst, Fleisch, Brot und Wein.
Leidenschaftlich dem Picknick zugetan war Maximilian II. von Bayern (1811-1864). In seiner Zeit war das Essen im Freien ein beliebter Zeitvertreib des Adels und des reichen Bürgertums. Wenn der König “sur l’herbe“ irgendwo in der Landschaft speisen wollte, glichen Vorbereitung und Durchführung einem Staatsakt. Leibkoch war der berühmte Johann Rottenhöfer, und der kochte dann in irgendeiner nahen Bauernküche neben Suppe und Forelle dreierlei Fisch, zwei Desserts, Früchte und Konfekt, wozu es Champagner gab und hinterher eine feine Havanna-Zigarre. Gegessen wurde von silbernen Tellern, getrunken aus silbernen Reisebechern.
Um die Jahrhundertwende war dass Picknicken besonders bei der deutschen Jeunesse dorée beliebt. Auch in den tollen Zwanzigern gehörte das Picknick zum kultivierten Lebensstil - wie heute am Beginn des 21. Jahrhunderts. Es scheint, dass die Lust am Genuss im Grünen in Zeiten sozialer und wirtschaftlicher Spannungen besonders stark ausgeprägt ist. Mag sein, dass der aktuelle Picknick-Trend auch mit der zunehmenden Verstädterung der Natur und der daraus resultierenden Sehnsucht nach heiler Umwelt zu tun hat.
Ob das Picknick nun als legere, heiter improvisierte Mahlzeit auf der Wiese angelegt oder penibel als gastronomische Inszenierung unter offenem Horizont geplant wird: ohne Korb geht nichts, will man stilvoll sein. Die Bandbreite ist groß, sie reicht von Plastikware “made in China“ (für ca. 35 Euro) bis zum luxuriösen Lunch-Case von Louis Vuitton, bestückt mit Porzellan und Silber und bis zu 5 000 Euro teuer. Im Fachhandel sind Weidenkörbe, gefüllt mit Geschirr, Gläsern, Servietten, Besteck und Windlichtern, für zwei bis sechs Personen zu Preisen zwischen 100 und 2 500 Euro zu bekommen.
Unerlässlich ist die Decke, auf der man sitzt und die gleichzeitig als Tischtuch dient. Robust muss sie sein, möglichst aus Wolle und sinnvollerweise mit gummierter Unterseite zum Schutz vor Feuchtigkeit. „Hermés“ ist - für etwa 1 000 Euro - mit einer „Tapis de Sol“ genannten Decke im klassischen Schottenkaro luxuriös zu Diensten; deren wollene Innenseite läßt sich abnehmen. Genauso hilfreich gegen Erdfeuchte und Kälte aus dem Unrtergrund sind freilich schlichte Matten aus Gummi oder jenem silbrig glänzenden Kunststoff, wie sie Campern und Bergsteigern dienlich sind.
Wein darf natürlich nicht fehlen. Passend ist ein herzhaftes Gewächs, ein Wein, zu dem man nicht Sie sagt, sondern der als Duzbruder bei sich willkommen geheißen wird. Das kann ein Sauvignon blanc sein, ein Grüner Veltliner, auch ein Rosé oder Silvaner. Überhaupt nichts ist gegen Champagner einzuwenden. Wichtig ist nur, dass die Gläser nicht leer bleiben. Das würde nämlich auch bei einem Picknick, wo Kultur sozusagen auf Natur trifft, den Sinn des Ästheten für Vollkommenheit verletzen. Die schönste Huldigung ans Picknick stammt übrigens von Edouard Manet. Dessen „Déjeuner sur l‘herbe“ - das Frühstück im Grünen - mit der frivol hingegossenen Nackten animiert ungemein. Solche himmlisch schönen Erlebnisse bietet nur das Tafeln im Freien, wenn sich die Gefühle wohlig dehnen und du weißt: man sitzt und genießt sozusagen näher bei den Engeln, die, weil der liebe Gott gerade nicht zuhört, Mozart anstelle von Bach spielen.
Quelle:
August F. Winkler











